Datenjournalismus – Fundgrube für Rechercheure

Julian_SchmidlIn der Schweiz gibt es Unmengen an digitalen Daten, die „irgendwo als binäre Codes umherschwirren“, sagt Julian Schmidli. Der ehemalige MAZ-Studierende arbeitet zurzeit als Stagiaire beim Recherche-Desk der SonntagsZeitung und Le Matin Dimanche und weiss, wie man aus diesen Datenmassen journalistische Geschichten herausholt. Und Geschichten gibt es einige zu holen, denn öffentlich zugängliche Daten gäbe es genug, nur wisse niemand, was damit anstellen sei.

Journalisten und Journalistinnen müssen lediglich ihre Ängste vor den Daten ablegen und sich das Wissen von Experten zu Nutze machen. So hat es zumindest Schmidli gemacht. Er pflegt laut eigenen Angaben gute Kontakte zu der „Informatiker- und Open-Data-Szene“.

Datenrecherche erfordert Durchhaltevermögen

Dank der Hilfe eines Informatikers aus der Simap-Datenbank der Bundesverwaltung (http://www.simap.ch), die seit 2009 alle öffentlichen Ausschreibungen und Beschaffungen sammelt, konnte er sämtliche Daten exportieren – und eine eigene Datenbank erstellen. Was danach folgte war „Kneten, bis eine Struktur entsteht, die Sinn macht“. Der Artikel „Bund vergibt 1/3 aller Aufträge unter der Hand“ war das Resultat eines solchen wochenlangen „Knetens“. Auf einer interaktiven Karte können alle Vergaben nachgesehen werden.

Manchmal braucht es also IT-Fachwissen, manchmal aber auch nur ein Japanmesser, einen Scanner und stundenlange „Dubbeliarbeit“. Da es nirgends eine vollständige Übersicht über alle Bundesangestellte der letzten zwanzig Jahre gab, mussten Schmidli und seine Redaktionskollegen sie sich selber zusammenbasteln. Also schnitt er aus sämtlichen Staatskalendern der betroffenen Jahre die entsprechenden Seiten aus und scannte sie ein, um sie später zu einem grossen Excel-File mit rund 40´000 Namen umzuwandeln. Diese Informationen abgeglichen mit den Daten der Simap-Datenbank führten zu einem zweiten aufsehenerregenden Artikel: „Ex-Beamte profitieren vom Filz„. Schmidli und seine Kollegen konnten beweisen,  dass mehrere Ex-Beamte in ihren neuen Jobs in der Privatwirtschaft von Bundesaufträgen profitieren konnten.

Das Daten-Dead-End gibt es auch

Und was, wenn aus solchen wochenlangen Datenrecherchen keine Geschichten entstehen? Schmidlis Antwort: „Es kann schiefgehen. Aber in meinem Fall hat es sich schon nur deshalb gelohnt, weil ich so viel dazulernen konnte.“ Das nächste Mal, wenn er sich in eine unübersichtliche Datenmenge stürzen werde, könne er effizienter artbeiten – und muss dann vielleicht nicht mehr nach Feierabend und an den Wochenenden freiwillige Überstunden schieben. [Nathalie Bursac]

Die Präsentation von Julian Schmidli finden sie hier.

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