Recherche im Lokalen – geht das?

Christian_MenschEin Lokaljournalist braucht Strategien, um mit Nähe und Distanz umzugehen. Nur so kann er tiefer recherchieren und im Alltag trotzdem zu seinen Informationen kommen. Der Workshop von Christian Mensch, Leiter der Redaktion Basel des Sonntag, vermittelte das nötige Handwerk dazu.

Drei Strategien zum Glück

Die Nähe zu den Akteuren und dem Publikum sei für Lokaljournalisten eine der grössten Herausforderungen, sagt Mensch. Um dem diffizilen Verhältnis zwischen Recherche und Lokaljournalismus gerecht zu werden, schlägt er drei Strategien vor, die letztlich alle darauf abzielen, Distanz zu schaffen, aber auf eine clevere Art:

1. Schriftlichkeit: Das heisst, wenn immer möglich schriftlich, also per Mail, kommunizieren. Denn was einmal geschrieben ist, steht da, unveränderlich. Bei Unklarheiten, oder um nachzuhaken, kann danach notfalls immer noch telefoniert werden, wogegen ein umgekehrtes Vorgehen einem Affront gleich käme.

Ausserdem bieten schriftliche Quellen einen grossen Fundus an möglichen Storys. Lokaljournalisten sollten Verwaltungsberichte unbedingt genau lesen. Amtsblätter bezeichnet Mensch gar als seine „Lieblingslektüre, die wahnsinnig spannend ist“. Baupublikationen vor Ort anschauen. Ob Handänderungen, öffentliches Beschaffungswesen oder Stellenausschreibungen: Unbedingt nutzen, was schon da ist. Geheime Dokumente werden selten gesteckt, auf Bestellung kommen sie schon gar nicht.

2. Themen setzen, statt nachziehen: Sich antizyklisch verhalten, das heisst beispielsweise, eine offizielle Verlautbarung direkt zu einer neuen Geschichte weiterdrehen.

3. Neue, überraschende Info-Quellen eröffnen, etwa solche, die jenseits des Lokalen liegen. Bsp: Ein Problem, über das in der eigenen Region niemand reden will, kann oder darf, ist vielleicht woanders auch schon aufgetreten. Für die dortigen Betroffenen ist man als Lokaljournalist keine Gefahr. Vielleicht sind sie sogar froh, können sie einmal richtig Dampf ablassen. Menschs Beispiel: Das „Schrott-Tram“, über das weder der Verkäufer (Siemens) noch der Käufer (die Stadt Basel) reden wollten. Hingegen bekam Mensch von den Behörden in Amsterdam, die das „Schrott-Tram“ ebenfalls gekauft hatten, bereitwillig Auskunft. [Adrian Huber]

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