Wie Lukas Hässig Vasellas Millionenabfindung entlarvte

Lukas Hässig

Am 15. Februar 2013 liess Lukas Hässig die Bombe platzen. Auf seinem Blog „Inside Paradeplatz“ schrieb er das erste Mal darüber, dass Daniel Vasella von der Novartis eine Abfindung von 72 Millionen erhalte. Wie die Geschichte ihren Lauf nahm, wissen wir, aber wie kam Lukas Hässig an die nötigen Informationen? Was waren seine Recherchemethoden?

Wie er zu seinen Informationen kam, ist interessant. Noch von grösserem Interesse ist allerdings die Erkenntnis, welche Hässig im Nachhinein aus der Geschichte zog.

Sein Blog „Inside Paradeplatz“ lebt, wie der Name schon verrät, von zugesteckten Informationen, von Leuten aus den oberen Wirtschafts-Etagen. Lukas Hässig sieht sich selbst nicht als investigativer Internet-Rechercheur, er schwört auf die analogen Methoden wie telefonieren und das Pflegen seiner Informanten.

Hässigs Dreiklang

Anfangs Februar 2013 traf sich Lukas Hässig mit einer seiner Quellen zum Mittagessen. Sie redeten während der Mahlzeit über Gott und die Banken.

Zum Schluss des Gesprächs, sozusagen als Dessert, erzählte sein Informant noch von einer 72 Millionen Abfindung für Novartis Chef Daniel Vasella. Diese Abfindung sei auf der St. Galler Privatbank Wegelin auf einem Konto hinterlegt, welches auf Daniel Vasellas Name lautete und nicht auf den Namen der Unternehmung Novartis.

Für Lukas Hässig war diese Information Gold wert, er war sich auch über die Wirkung bewusst. Die Abstimmung über die „Abzocker-initiative“ war sehr nahe.

Lukas Hässig versuchte, seine eine Quelle mit einer zweiten zu ergänzen und abzusichern. Dafür telefonierte er mit  Novartis. Die tritt alles ab. Ebenfalls telefonierte er mit Konrad Hummler, dem damaligen geschäftsführenden Teilhaber von Wegelin. Konrad Hummler sagte im Gespräch nichts handfestes, dementierte aber auch nichts. Hässig hatte zusätzliche Indizien aber keine zweite Quelle, dafür seinen Dreiklang: eine Quelle, 72 Millionen und die Bank Wegelin.

Hässig überlegte lange, ob er die Geschichte unter diesen Bedingungen veröffentlichen solle. Schliesslich publizierte er die Meldung am 15. Februar über seinen Blog „Inside Paradeplatz“. Die Wellen, die die Nachricht schlug, waren immens. Vasella gab die 72 Millionen zurück und die öffentliche Debatte über die „Abzocker-Initiative“ wurde zusätzlich angeheizt.

Mit diesem Primeur konnte sich Lukas Hässig profilieren. Er gehört bis Dato zu seinen journalistischen Meilensteinen.

In einer Redaktion wäre die Geschichte gestorben

Bei der Analyse fiel ihm auf, dass die Geschichte wahrscheinlich „väkeyt“ wäre, wenn er in einer Redaktion gearbeitet hätte. Seiner Meinung nach hätte kein Chefredaktor die Geschichte zugelassen mit nur einer Quelle. Denn dieser Chefredakteur hätte auch sein Kopf hinhalten müssen, wenn sich die Geschichte als „heisse Luft“ herausgestellt hätte. Diesen Entscheid seitens des Chefredakteurs würde Lukas Hässig sogar verstehen.

Weil Lukas Hässig die Geschichte über seinen persönlichen  Blog „Inside Paradeplatz“ publizierte, trug er zwar das volle Risiko, aber er konnte die Geschichte veröffentlichen.

Seiner Meinung nach sterben viele gute Geschichten, weil sie oft auf nur einer zuverlässigen Quelle basieren und diese Ausgangslage den Chefredaktoren einfach zu heikel sei. Deshalb ermutigte er am Workshop junge und freischaffende Journalisten dazu, einen Blog zu führen.

[Fabio Müller]

3 Comments

  • Carl Hansen
    29. Januar 2014 - 10:08 | Permalink

    Ein etwas zweischneidiger Rat am Schluss. Im privaten Blog also das finanzielle Risiko eingehen, das den grossen Medienunternehmen und deren Chefredaktoren zu heikel ist?

    Einmal unterstellt, man sitzt einer Falschinformation auf, die eine ansonsten zuverlässige Quelle bewusst oder unbewusst – weil als Spin Doctor missbraucht – in die Welt setzt: Wenn ein Grosskonzern oder deren Vorstand ernst macht mit teuren Anwälten, Zivilklage und möglicherweise auch noch strafrechtlichen Schritten, dann wars das erst einmal, zumindest finanziell für den mutigen Blogbetreiber.

    • Sebastian W
      29. Januar 2014 - 13:22 | Permalink

      In dem Fall könnte man einfach transparent im Blog klarmachen, dass man zwar nur eine Quelle hat, die jedoch als vertrauenswürdig einstuft. Man wird doch wohl kaum dafür belangt Informationen weiterzugeben?

  • Carl Hansen
    29. Januar 2014 - 14:41 | Permalink

    Etwas möglicherweise Ehrenrühriges via Blog in die Welt hinausposaunen und dann hoffen, dass der Hinweis auf eine als zuverlässig einzustufende Quelle einen von allen Ansprüchen freistellt? Das ist eine sehr optimistische Herangehensweise.

    Wenn der Promi, Unternehmensboss oder das Unternehmen mit einer Unterlassungserklärung reagiert und der Streitwert üppig ausfällt, sind dann mal schnell vierstellige Anwaltskosten fällig.

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